Hier wohnt der Papst

Text | Friedhelm Feldhaus

Foto | Friedhelm Feldhaus

„Hinknien!“ So nachdrücklich auf die Kniebank bin ich zuletzt 1972 gezwungen worden – im Kommunionsunterricht von Pastor Franz Brauer in der St.-Franziskus-Kirche im emsländischen Flechum. Das Déja-vu ereilt mich nun in der Basilika von Palmar de Troya im spanischen Andalusien. Und die Ansage des jungen Padre ist nicht als Bitte formuliert. Wir kommen ihr umgehend nach. Die Umstände sind so.

Weithin sichtbar überragen die zwölf Türme der Basilika die baumlosen Hügel und geduckten Dörfer Andalusiens – surreal in ihrer Pracht und Größe weitab jeder Stadt. Näherkommend jedoch verschwinden die braun-weißen Kuppeln hinter einer sechs Meter hohen Betonmauer, die das Kirchenareal einschließt. Unwirklich ist auch die Szenerie im Inneren: überall gold-, silber- und juwelenbesetzte Heiligenstatuen. Vor dem Hauptaltar zelebriert Papst Petrus III. die Messe – assistiert von zwei Kardinälen. Papst Petrus?

Die katholische Kirche mit Zentrale im Vatikan hat es in den vergangenen 2.000 Jahren aus Respekt vermieden, den Namen des ersten Papstes und Apostels Petrus ein zweites Mal zu vergeben. Doch wir sind nicht im Vatikan und nicht bei Papst Franziskus, dessen Messen im Petersdom jeder Gläubige und Nichtgläubige beiwohnen kann. Wir sind in der Basilika des Ordens Carmelitas de la Santa Faz. Das gewaltige Gotteshaus – das wohl größte Kirchengebäude Spaniens des 20. Jahrhunderts – ist seit seiner Grundsteinlegung 1978 Sitz des inzwischen vierten Papstes der sogenannten Palmarianischen Kirche, benannt nach der anliegenden Siedlung Palmar de Troya. Aus Perspektive aller anderen Anwesenden bei diesem Gottesdienst sind diese vier Päpste die wahren und einzigen, die die Traditionen und Werte der katholischen Kirche hochhalten. Und wir sind die einzigen Gottesdienstbesucher, die nicht Anhänger dieser sektenartigen Abspaltung sind.

Das Hemd bleibt am Hals geschlossen

75 Minuten des anderthalbstündigen Gottesdienstes verbringen wir auf Knien. Parallel zum Ritus des Papstes am Haupt­altar zelebrieren Geistliche in den Seitenschiffen an den 14 aufwändig gestalteten Seitenaltären die Messe. Diese wechselt zwischen lateinischen und spanischen Passagen, sich rhythmisch laufend wiederholend. Zeit, sich umzusehen. Das tun auch die zehn- bis 14-jährigen Jungs in den Bänken vor uns. Sie blicken sich immer wieder um, schauen uns an, tuscheln, kichern. Gäste sind hier selten – eine willkommene Abwechslung für den Nachwuchs, bedingt willkommen bei der Führung des Ordens. Mein journalistischer Kollege Jonas Martiny und ich sind darauf vorbereitet. Ein am Hals geschlossenes Hemd, idealerweise mit Manschettenknöpfen, gedeckte Farben, keine Jeans: Ordentliche Kleidung ist Mindestvoraussetzung für den Einlass – sofern sich das Tor in der Mauer überhaupt öffnet. 

Der Bürgermeister von Palmar de Troya hat uns am Morgen den Tipp gegeben, zum Gottesdienst um 18 Uhr am Eingang zu sein. Wir sind pünktlich, aber allein auf dem Platz vor der Mauer. Wir sehen keine Gemeindemitglieder auf dem Weg in die Kirche. Jonas hat gerade seine goldfarbenen Manschettenschnallen aus sowjetischer Produktion geschlossen, als sich das eiserne Tor auftut, um ein Auto herauszulassen. Wir nutzen die Chance und sprechen den Torwächter an. „Guten Abend! Wir sind Katholiken aus Deutschland und möchten den Gottesdienst besuchen.“ Er erwidert den Gruß schmallippig und mustert uns ohne jedes Lächeln. „Keine Fotos! Das hier ist kein Ort für Touristen!“ Und für Journalisten erst recht nicht, hatten wir im Vorfeld erfahren. Meine Kollegin Ina Soetebeer versuchte, einen offiziellen Termin zu machen: Immobilien Zeitung porträtiert einmalige, aber wenig bekannte Bauwerke. „Wir sprechen grundsätzlich nicht mit Journalisten“, erklärte der Sprecher des Papstes knapp.

Mauerkrone mit Natodraht geschützt

So kommen wir als Katholiken. Der Wächter schickt uns mit klaren Anweisungen auf den Weg zur 100 Meter entfernten Basilika. „Gehen Sie durch den linken Eingang.“ Der mit großen Palmen symmetrisch besetzte Vorplatz wird von einer Mauer eingefasst, deren Krone von Rollen aus Natodraht mit scharfen Edelstahlzinken gesichert ist. Eine weitere, ebenso hohe Mauer säumt das gesamte, etwa 80 Hektar messende ­Anwesen des Ordens. Beim Betreten der Basilika erhebt sich sofort der junge Padre – um sich wieder zu setzen, als ich ohne Zögern das Weihwasserbecken ansteuere, Zeige- und Mittelfinger hineintauche, mit Blick auf den Hauptaltar auf das rechte Knie sinke und mich bekreuzige. Jonas, der Agnostiker, tut es mir nach. Der dienstägliche Gottesdienst in der Basilika ist übersichtlich besucht. Links im Hauptschiff sitzen die Männer und Jungs, rechts die Frauen und Mädchen. Die Männer tragen braune Hosen und hellbraune Hemden, die Frauen entsprechende Kleider und Blusen. Das Haar aller Frauen und Mädchen wird durch Schleier, teils Tücher bedeckt. Rechts vom Hauptaltar knien etwa 40 Nonnen, ihre Bänke eingehaust durch ein hohes Holzgitter. Im Zentrum des vergoldeten Hauptaltars steht eine Marienfigur, dekoriert mit üppigem Blumenschmuck. Ihr zu Füßen ein Jesus-Porträt, ähnlich dem Turiner Grabtuch.

Auf die hohe, gewölbte Decke des Kirchenschiffs sind einfache Porträts der Heiligen der Palmarianischen Kirche gemalt. Dazu zählen auch heiliggesprochene Stifterinnen, die den Bau der Basilika erst möglich gemacht haben. Etwa die Adlige Maria del Patrocinio Frigola y Muguiro, Il Baronesa del Castillo de Chirel, deren Spenden zunächst den Kauf des Areals vor den Toren des andalusischen Dorfes Palmar de Troya finanzierten, dann den Einstieg in die Bauarbeiten für die Basilika ab 1978. Auch die Deutsche Hedwig Vitter sandte ein Vermögen nach Palmar de Troya. Das gilt ebenso für die Schweizerin Ida Maria Bertsch, die 1985 starb, oder Margret Mary Paul, die in Wisconsin/USA lebte und 2001 dahinschied. Beide wurden kurz nach ihrem Tod heiliggesprochen und sind an der Decke der Basilika zu sehen.

Der „heilige Elektriker“ tritt auf

Ihren Anfang nimmt diese Geschichte 1968. Vier Mädchen aus Palmar de Troya berichten, ihnen sei die Gottesmutter Maria erschienen – am Ort der heutigen Basilika. Andalusien zählt damals zu den ärmsten Regionen Spaniens. „Die Menschen haben von der Landwirtschaft gelebt und von ihrem Lohn als Erntehelfer in Frankreich“, erzählt Ortsbürgermeister Juan Carlos González. Die Bereitschaft ist groß, sich der Existenz Gottes durch eine Marienerscheinung zu versichern. Immer mehr Menschen kommen und beten. Bald ist ein Kreuz aufgestellt, kurz darauf eine Klause mit Marienfigur. 

Die katholische Kirche ist da, aber auch Clemente Domínguez y Gómez. Er verdient sein Geld damit, für ein Elektrounternehmen die Rechnungen einzutreiben. Der kaum 25-Jährige nutzt die spirituelle Euphorie der gläubigen Massen, um dem Ort und der ungeordneten Bewegung seinen Stempel aufzudrücken. Mit den blutenden Wundmalen Jesu Christi tritt er 1970 vor eine glaubensoffene Menge von 30.000 Menschen, spricht von Botschaften Gottes und bald vom falschen Weg, den die katholische Kirche mit den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils genommen habe. 

Clemente erklärt, dass der damalige römische Papst Paul VI. zwar rechtmäßig gewähltes Oberhaupt der Katholiken sei, mit dem Konzil aber Opfer einer Verschwörung der Kardinäle wurde, die ihn unter Drogen manipulieren würden im Sinne einer Okkupation der römisch-katholischen Kurie durch Freimaurer, Kommunisten, den Satan und vor allem Modernisten, einer innerkirchlichen Reformbewegung. 1972 gründet „der heilige Elektriker“, wie er von Spöttern genannt wird, mit Mitstreitern den Orden Iglesia Cristiana Palmariana de los Carmelitas de la Santa Faz – parallel zum Kauf des Grundstücks, auf dem die Marienerscheinung stattfand. Manuel Alonso Corral ist Anwalt und als kluger Kopf der Bewegung auch der Berater Clementes. Er erwirbt das landwirtschaftliche Anwesen mit gespendetem Kapital.

Gott verlegt den Heiligen Stuhl

Spanien ist Mitte der 1970er Jahre im Umbruch: Franco geht, die Demokratie kommt. Deutlich zu viel Veränderung für konservative Kreise, die mit dem Diktator wirtschaftlich wie politisch gut harmoniert haben. Mit der Demokratie ab 1975 setzen sich auch in der katholischen Kirche Spaniens die reformistischen Kräfte durch. Clemente stilisiert sich als Kämpfer für die Prinzipien der guten alten Zeit – politisch und kirchlich. Mehr Spenden fließen. 

Die katholische Kirche exkommuniziert Clemente und seine Mitstreiter, nachdem der vietnamesische, konservative Alterzbischof Ngo Dinh Thuc – Bruder des 1963 ermordeten, rechtsextremen vietnamesischen Präsidenten Diem – sie 1975 zu Priestern weiht und wenige Tage später zu Bischöfen. Mit der Bischofsweihe ist die Bewegung nach der Verlautbarung ihrer Führer und in der Wahrnehmung ihrer wachsenden Gefolg­schaft als Kirche legitimiert. Als 1978 Papst Paul VI. in Rom stirbt, lässt sich Clemente von seinen Kardinälen zum Papst Gregor XVII. wählen – dem ersten Papst der Palmarianischen Kirche. Den Heiligen Stuhl habe Gott von Rom nach Palmar de Troya verlegt.

„Clemente hatte zu dieser Zeit so viel Geld, dass er dachte, es geht nie aus“, erzählt Manuel Molina, der die Entwicklung der Palmarianer als Journalist in Diensten der spanischen Nachrichtenagentur Efe von Beginn an begleitet. Und das Geld wird nicht allein von Anhängern aus Spanien, USA, Deutschland, Schweiz, Irland oder Peru geschickt. Besonders spanische Unternehmen spenden Millionen Peseten und erhalten dafür Spendenbescheinigungen über weit höhere Summen. Koffer mit Geld wechseln auf der Baustelle der Basilika ihren Besitzer. Clemente, Corral und Co. kaufen zudem zahlreiche Immobilien, darunter etwa 15 Gebäude in der City der andalusischen Metropole Sevilla. Während die Basilika samt Unterkünften entsteht, residiert dort bis in die späten 1990er Jahre der päpstliche Hofstaat. In Sevilla lässt es sich die Spitze der Kurie in teuren Restaurants gut gehen.

„Damals kam sehr viel Geld rein“, bestätigt Rafael de Quinta Frutos. Der Bruder des 1996 mit nur 45 Jahren an einem Nierenleiden verstorbenen Architekten Juan Luis de Quinta Frutos spricht erstmals mit Journalisten. „Deshalb wurde nicht nur die Kathedrale, sondern auch Unterkünfte für Kardinäle und Bischöfe geplant. Die kleine Papstresidenz orientierte sich ebenfalls am Vorbild des Vatikans.“ Der aus dem nahen Städtchen Utrera stammende Architekt hatte niemals anderes als Ein- und Mehrfamilienhäuser in der Region gebaut. Zu seinem dann lebensprägenden Auftrag kommt er nach Molinas Kenntnis über seinen Hausarzt, der auch die Führungsspitze der Palmarianer betreut.

Ein Obduktionsraum für die Gruft

Mein Bruder ist sehr viel gereist, hat zur Vorbereitung tausende Fotos von Kathedralen gemacht“, sagt Rafael. „Die Palmarianer wollten eine Kathedrale nach historischen Vorbildern  errichtet mit modernen Materialien.“ Zwar lehnt Clemente seinen Vorschlag ab, eine moderne Architektur zu entwickeln, doch sein Bruder sei trotzdem sehr froh über den Auftrag gewesen. So entstand die Basilika bis Ende der 1990er Jahre als Mischung aus byzantinisch-orthodoxer und der regionalen Herrera-Architektur des 16. Jahrhunderts. „Wenn ich sterbe, werde ich der einzige unter meinen Kollegen gewesen sein, der eine Kathedrale gebaut hat“, zitiert ihn sein Bruder. 

Der strenggläubige Katholik nimmt den Auftrag jedoch erst nach Rückversicherung bei der katholischen Kirche an. „Ja, natürlich“, habe der Bischof auf des Architekten Anfrage erwidert. „Baue die Kirche so gut du kannst. Früher oder später fällt sie sowieso an uns.“ Auch Rafael wird ob seiner Qualifikation als Chirurg in die Planung einbezogen. „Die Palmarianer haben unter der Basilika eine Gruft angelegt. Gesetzliche Voraussetzung für die Nutzung einer Gruft ist jedoch in Spanien der Bau eines Obduktionsraumes.“ Der inzwischen pensionierte Mediziner lacht bei der Erinnerung. „Da kam ich als Berater ins Spiel.“ 

Der Architekt habe sehr von der Sprunghaftigkeit seiner Auftraggeber zur Entwicklung der Kathedrale profitiert, sagt Molina. Mit Verweis auf Botschaften direkt von Jesus habe Clemente zuerst vier Türme an der Hauptfassade favorisiert, dann weitere an jeder Ecke und schließlich zwölf Türme – wie die zwölf Apostel. Doch freut sich der Architekt nicht über jeden Geistesblitz seiner ambitionierten Bauherren. „Eines Tages kam Juan wütend zu mir“, erzählt Rafael. „Er war aufgebracht wie ein Indianer ohne Pferd, trotz seines eher ruhigen Naturells. ,Du kannst dir nicht vorstellen, was passiert ist!‘“ Gerade hatte er mit Clemente eine Begehung der Baustelle gemacht. „Da steht Clemente unter der Kuppel, guckt nach oben und sagt: ,Die Kuppel muss höher werden.‘“ Zu diesem Zeitpunkt war Clemente bereits blind – Folge eines Verkehrsunfalls. In der Konsequenz dieser göttlichen Eingebung sei die auf den Mauern liegende Metallkonstruktion der Kuppel mit 50 Hebezügen angehoben, die Lücke aufgemauert und die Konstruktion wieder abgesenkt worden.

Hinter den Mauern herrscht Hunger

Von den Bauarbeiten profitieren zunächst auch die Bewohner von Palmar de Troya. 80 bis 100 Männer des Ortes arbeiten in den ersten Jahren auf der Baustelle, schätzt Molina. Das bestätigt auch Ortsbürgermeister Juan Carlos González. „Ja, zunächst haben viele Arbeit gefunden. Aber heute holen sie sich alles von auswärts. Das Verhältnis ist distanziert.“ Die Distanz entwickelt sich parallel zur Radikalisierung der Palmarianischen Kirche, die wiederum mit der zunehmenden Kapitalverknappung einhergeht.

Dass es mit der Fertigstellung der Basilika letztlich fast 40 Jahre dauerte, habe auch an der Überheblichkeit von Clemente gelegen, so Molina. „Clemente wollte unbedingt als kirchliche Organisation vom spanischen Staat anerkannt werden. 1988 entsprach das Oberste Gericht seiner Klage mit der Folge, dass sie auf einmal eine Steuererklärung abgeben mussten.“ Das macht es für die Palmarianer deutlich schwerer, in bewährter Weise mit Spenden und Spendenbelegen zu verfahren. Molina berichtet, dass auch die Bischofsweihe finanzielle Mittel für die Palmarianer erschließt. Als exotisches Beispiel nennt er den Sohn eines afrikanischen Stammesführers, der zum Bischof geweiht worden sei, um die väterliche Schatulle zu öffnen.

Trotz der schwindenden Finanzressourcen wird bis in die späten 1990er Jahre weitergebaut. Ein deutlich zweistelliger Millionenbetrag fließt in den Bau. Externe Immobilien werden zur Finanzierung verkauft. 1996 schließlich stirbt überraschend der Architekt. 2003 werden die letzten Immobilien in Sevilla veräußert. Nach Informationen des schwedischen Experten Magnus Lundberg folgen Liegenschaften in Manchester, Augsburg und Leonding in Österreich.

Schließlich ruht der Bau bis etwa 2013. In der Zwischenzeit stirbt 2005 Clemente. Sein Nachfolger wird der Anwalt Manuel Alonso Corral, der sich als Petrus II. inthronisieren lässt. Er verschärft die Isolation, verhängt Kontaktverbote mit Nichtpalmarianern und stirbt 2011. Ihm folgt als dritter Gegenpapst der Ex-Armeeoffizier Ginés Jesús Hernández, der den Papstnamen Gregor XVIII. wählt. Inzwischen herrscht zwischen den hohen Mauern um die Basilika regelrechte Not. In Folge der Immobilien- und Finanzkrise 2008/2009 sind die ohnehin schon spärlichen Spenden noch weiter geschrumpft. Von einem Polizisten hört Molina, dass die Palmarianer in ihrem Gegen-Vatikan zeitweilig hungern.

Der Zehnte sichert den Weiterbau

Hernández sorgt ab 2011 für Liquidität, indem er bei der zu diesem Zeitpunkt auf weltweit von etwa 10.000 auf 2.000 Gläubige geschrumpften Gemeinde den Zehnten einführt: Mindestens zehn Prozent des Einkommens sollen nach Palmar de Troya gehen. Zudem werden die Anhänger aufgefordert, im Alter ihre Immobilien zu verkaufen oder an die Palmarianische Kirche zu überschreiben und das Geld bar nach Spanien bringen zu lassen. Der dritte Gegenpapst droht seinen Anhängern mit Exkommunikation, wenn sie an nichtpalmarianische Personen oder Institutionen vererben. Selbst sollen sie dann in Altenheime ziehen, jedenfalls an einen Ort, wo sie ihre palmarianischen Sterbesakramente empfangen können. Hier gibt es Einrichtungen in Südamerika, Spanien, Irland, der Schweiz, aber auch Deutschland, die bevorzugt Palmarianer im Rentenalter beherbergen. Dazu gehört etwa das frühere Hotel Ebi in Friedenweiler, Baden-Württemberg. Die von Martin Werner geführte Troya GmbH erwirbt das Gebäude 2014, um hier gut zwei Dutzend Senioren unterzubringen.

„Wohlhabende Gläubige haben unter Druck ihre Immobilien zu schlechten Preisen verkauft“, weiß Molina, der eine hochrangige Polizistin kennt, die ihre Wohnung in Sevilla veräußert und nach Palmar de Troya zieht. Doch der Druck wirkt. Es fließt deutlich mehr Geld in die Kasse der Kirche, die unter Hernández noch stärker zur Sekte geworden ist. Ab 2013 wird die Basilika mit dem Weiß-Braun der Karmeliter neu gestrichen und der Innenausbau der Basilika abgeschlossen. Auch Photovoltaik-Module sorgen im südlichen Bereich des Areals für Energie und Umsatz.

Vom Portal grüßt Diktator Franco

Zudem schmücken ab dem Spätsommer 2014 neue Heiligen­figuren das Hauptportal – darunter ein Soldat mit Heiligenschein. Rasch wird er von spanischen Journalisten als der „Caudillo“ identifiziert: Francisco Franco, der von Hitler und Mussolini an die Macht gebombte faschistische Diktator Spaniens von 1936 bis 1975. Als Retter des Christentums gegen den Marxismus hat bereits der erste Gegenpapst, Clemente, ihn und andere Repräsentanten seiner Diktatur heiliggesprochen. Nun sieht er von der Basilika auf Andalusien herab, in einer Reihe etwa mit Christoph Kolumbus oder Franz von Assisi.

Allerdings sind franquistische Symbole, Straßennamen, Monumente und Gedenktafeln im öffentlichen Raum seit Dezember 2007 verboten. Bis zur Causa Franco-Statue hat sich die öffentliche Hand weitgehend aus den Angelegenheiten der Palmarianischen Kirche herausgehalten. Auch Vorwürfe früherer Palmarianer des Kindesmissbrauchs ändern daran wenig. Doch spätestens, als es Klagen von Bürgern gegen Franco als Heiligen auf der Kuppel gibt, interveniert das andalusische Parlament und der Rat der Samtgemeinde Utrera. Nach einem Jahr wird Franco in aller Stille ersetzt.

Für noch größere Schlagzeilen sorgt der dritte palmarianische Papst im April 2016. Hernández desertiert – nicht ohne Ziel. Er zieht zu Nieves Triviño, als Jugendliche und junge Frau Mitglied der Palmarianischen Kirche, inzwischen Mutter von zwei Kindern, geschieden und Festivalbeauftragte in Monachil am Fuße der Sierra Nevada, 250 Kilometer östlich von Palmar de Troya. „Ich habe den Glauben verloren“, sagt er in ersten Interviews als Ex-Gegen-Papst. Aber er habe die Kirche ökonomisch, fiskalisch und buchhalterisch mit einem Überschuss verlassen. Der BMW X6, ein weißer SUV im Wert von 60.000 Euro, den er mitgenommen hat, sei eine Spende gewesen. Tatsächlich hat er ihn einen Tag vor seinem Auszug angeblich zur steuerlichen Optimierung auf seinen Namen umschreiben lassen.

Der dritte Gegenpapst heiratet

In den Wochen darauf distanziert er sich immer stärker von der Kirche, der er über 30 Jahre angehört hat. „Ich habe jetzt erkannt, dass es eine rein wirtschaftlich ausgerichtete Vereinigung war, die das Wunder der Jungfrau Maria ausgenutzt hat“, wird Hernández Ende Mai 2016 von der Tageszeitung El Pais zitiert. Gleichzeitig warnt er seinen Nachfolger, den Schweizer Joseph Odermatt, der im Juli 2016 als Papst Petrus III. und damit vierter Gegenpapst eingeführt wird, ihn wegen des SUV oder angeblich gestohlenen Sakralschmucks zu verfolgen. Er habe belastende Dokumente in seinem Besitz. Ex-Papst Hernández jedenfalls scheint seine Schäfchen ins Trockene gebracht zu haben. In einer irischen Zeitung wird der Grundbucheintrag veröffentlicht, nach dem Ginés Jesús Hernández Martinez am 21. April 2016 Miteigentümer einer Immobilie in der Kleinstadt Lusk nahe Dublin wird – ebenfalls am Tag vor seinem Ausstieg. Als Miteigentümer ist übrigens Odermatt notiert, der aktuelle Papst Petrus III.

Nacktfotos und versuchter Mord

Weitere ehemalige führende Mitglieder der Palmarianer fordern die spanischen Finanz- und Steuerbehörden auf, dem Verdacht auf Geldwäsche und Steuerhinterziehung endlich nachzugehen. Bis dato ist dazu nichts bekannt geworden. Im September 2016 heiraten Triviño und Hernández – mit dem vormaligen Papamobil als Hochzeitskutsche und gemeinsamen Nacktfotos vorab in der Boulevardpresse.  Geradezu bizarr sind die jüngsten Schlagzeilen des Duos: Am 10. Juni klettern beide während des abendlichen Gottesdienstes in Palmar über die Mauer, werden aber von einem Bischof gestellt. Triviño und Hernández zücken Messer. Alle drei werden verletzt. Ein Helikopter fliegt den Ex-Papst mit drei Stichen in der Brust ins Krankenhaus. Er wird wie seine Frau des versuchten Raubüberfalls und versuchten Mordes angeklagt.

Derweil wird sein Nachfolger vom langen Arm des Rechtsstaats eingeholt. „Es laufen Verhandlungen, um die urbanistische Situation zu regulieren“, erklärt Ortsbürgermeister Juan Carlos González. Tatsächlich gebe es für die Basilika keine Baugenehmigung. „Es war kein Bauland. Aber es gab eine Baugenehmigung für eine landwirtschaftliche Halle“, so González. „Mit der wurde der Bau der Basilika gestartet.“ Bibliothek, Küche, Kantine und Schlafgebäude seien später regulär genehmigt worden. Die Basilika als solche nicht. „Früher konnte man Geld bezahlen, wenn ein Gebäude ungenehmigt errichtet wurde – und gut war es. Heute zahlt man eine Strafe und muss es trotzdem genehmigen lassen.“

Die Gespräche laufen bereits seit vielen Jahren. „Unser Amt hat immer auf Ausgleich gesetzt, ohne Zwang.“ Mit dem Schweizer Papst liefen die Gespräche nun besser. Dabei ist die Gesetzes­lage für die hermetisch eingemauerten Palmarianer pikant. González erläutert, dass die andalusischen Baugesetze vorschreiben, bei Umwidmung einer Fläche zur Bebauung zehn Prozent des Areals als Grün- oder Allgemeinfläche zu widmen – das wäre dann sozusagen ebenfalls der Zehnte, diesmal allerdings für die öffentliche Hand.

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